24. Oktober 2007 - 17.05 Uhr

Der Untergang des Römischen Reichs – Historiker schreiben die Geschichte Roms und der Barbaren ne

Eine Rezension auf WDR3: Spezialisten der Universität Oxford veröffentlichen neue Untersuchungen

Seit langem herrscht unter Wissenschaftlern die Ansicht, der Übergang zum Mittelalter sei ein sich langsam vollziehender Austausch zwischen den Römern und ihren Nachbarvölkern gewesen. Dagegen bewerten Peter Heather und Bryan Ward-Perkins – Kollegen an der Universität Oxford – das Ende der Westhälfte des Römischen Reichs als katastrophalen Kulturbruch. Die hochentwickelte antike Gesellschaft sei nicht von selbst untergegangen, sondern von den barbarischen Feinden der Römer zugrunde gerichtet worden. Rom stürzte, so legt Heather dar, nicht wegen seiner Schwäche, sondern weil die Römer selbst die Germanen durch Handel und Waffentransfer angelockt und stark gemacht hatten. Ward-Perkins ergänzt: als die komplexe, auf globaler Arbeitsteilung und Spezialisierung beruhende Wirtschaft erst zusammengebrochen war, ließ sich dieser Verlust durch lokale Fähigkeiten und Netzwerke nicht kompensieren. Kunst und Bildung, technische und wissenschaftliche Kenntnisse gingen über Nacht verloren.

Eine Rezension von David Eisermann: am 24. Oktober in den RESONANZEN auf WDR3 - 17.05 bis 19.45 Uhr.

Peter Heather, Der Untergang des Römischen Weltreichs, Stuttgart: Klett-Cotta, 2007; 640 Seiten; 34,50 Euro; ISBN: 978-3-608-94082-4.

Bryan Ward-Perkins, Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation, Stuttgart: Theiss, 2007; 240 Seiten; 29,90 Euro; ISBN 978-3-8062-2083-4.

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Vielleicht liegt es daran, daß ihre Bücher gleichzeitig erschienen sind. Jedenfalls klingen die Titel zum Verwechseln ähnlich – in deutscher Übersetzung noch mehr als im englischen Original. Weil man bei Theiss für das Buch von Bryan Ward-Perkins bereits Der Untergang des Römischen Reiches gewählt hatte, hat man bei Klett-Cotta ein wenig variiert und gekürzt: Der Untergang des Römischen Weltreichs heißt dort jetzt das Buch von Peter Heather. Die Deutschen sind möglicherweise vor dem Originaltitel zurückgeschreckt – The Fall of the Roman Empire: A New History of Rome and the Barbarians. Nicht um die Idee des Weltreichs geht es Peter Heather, sondern um die Barbaren gegen Rom. Darin ist er sich mit seinem Kollegen Bryan Ward-Perkins einig.

Beide Historiker arbeiten in Oxford. Und beide bewerten die Rolle der Barbaren ganz anders, als es in der Wissenschaft heute üblich ist. Da hat man seit langem versucht, die Germanen zu rehabilitieren. Sie seien nicht die Totengräber der Antike gewesen, sondern hätten nur versucht, sie zu ihren Bedingungen fortzusetzen – etwa mit eigenen Staatsgründungen in Frankreich, Spanien und Italien. Peter Heather und Bryan Ward-Perkins beziehen jetzt Stellung gegen die vorherrschende Ansicht, der Übergang zum Mittelalter sei ein sich langsam vollziehender Austausch zwischen den Römern und ihren Nachbarvölkern gewesen. Nein, sagen beide: das Ende der Westhälfte des Römischen Reichs war ein katastrophaler Kulturbruch. Und, noch zugespitzter: die hochentwickelte antike Gesellschaft sei nicht von selbst untergegangen, sondern von den barbarischen Feinden der Römer zugrunde gerichtet worden. Rom stürzte nicht wegen seiner Schwäche, sondern weil die Römer selbst die Germanen durch Handel und Waffentransfer angelockt und stark gemacht hatten.

Er verbindet seine Analyse mit einer großangelegten Erzählung der letzten hundert Jahre der römischen Kaiserzeit bis ins Jahr 476. Damals wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustus von einem seiner Offiziere für abgesetzt erklärt. Weil Romulus noch ein Teenager von 15 oder 16 Jahren war, wurde er als „Augustulus“ verspottet – als Kaiserlein. Der Offizier hieß Odoaker, seine Mutter war Germanin, sein Vater möglicherweise Hunne. Doch die Germanen lösten die Römer nicht nur als Herrscher ab, sie brachten auch Fernhandel, Verwaltung, Schulbildung und die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zum Erliegen. Die Bevölkerungszahl ging zurück und in der Folgezeit sank der Lebensstandard in weiten Teilen Europas auf ein prähistorisches Niveau, wie es zuletzt mehr als tausend Jahre zuvor geherrscht hatte. Eine tragende Rolle spielen dabei die Goten. Mit ihnen beginnt und endet die Krise des Weströmischen Reichs. Im Jahr 378 schlagen sie in der Schlacht von Adrianopel die Römer und töten Kaiser Valens. Unter Theoderich erobern sie ein Jahrhundert später Italien und beseitigen Odoaker. Neben den Goten profitierten allerdings auch andere germanische Völker vom Ende Roms. Peter Heather streicht heraus, daß mehrere Versuche der letzten römischen Herrscher scheiterten, etwa den Wandalen Nordafrika zu entreißen – ein entscheidendes Versagen. Die Wandalen hatten Roms afrikanische Provinzen erobert und die Kaiser damit von hohen Steuereinnahmen abgeschnitten. Je weniger Geld Rom zur Verfügung stand, um so weniger konnte auch der militärische Schutz des übrigen Reichsgebiets aufrecht erhalten werden. Schließlich mußten ganze Provinzen aufgegeben werden: Britannien, Spanien, Rhein und Donau.

Bryan Ward-Perkins ergänzt Heathers Ausführungen, wenn er archäologisch genau das Ende des hochentwickelten römischen Wirtschaftssystems beschreibt. Am Beispiel von Keramik, Münzgeld und Bautechnik zeigt er, wie die komplexe, auf globale Arbeitsteilung und Spezialisierung beruhende Wirtschaft durch die Barbaren zum Erliegen kam. Kunst und Bildung, technische und wissenschaftliche Kenntnisse gingen verloren. Ein Verlust, der sich durch lokale Fähigkeiten und Netzwerke nicht kompensieren ließ. Daß das Ende der römischen Kaiserzeit im Westen Europas eine tiefe Zäsur dargestellt hat, ist gern geleugnet worden. Peter Heather und Bryan Ward-Perkins präsentieren eine neue und sehr zugespitzte Sehweise auf den Beginn des Mittelalters in Europa. Doch sie helfen damit auch, ein Bild wieder zurechtzurücken, das wohlmeinenden Historikern etwas schief geraten war. Mit dem frühen Mittelalter brach tatsächlich ein dunkles Zeitalter an. Ohne die Germanen wäre es wohl anders gekommen.

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