16. November 2008 - 12.05 Uhr

Chamissos Leben - ein "Entwurf der Freiheit”

Die neue Biographie Der wilde Europäer: Adelbert von Chamisso

Eine Rezension von David Eisermann - am 16. November in "Gutenbergs Welt" – ab 12.05 Uhr auf WDR3.

Mit der Geschichte von Peter Schlemihl, dem Mann, der sich von seinem Schatten trennt, hat sich Adelbert von Chamisso in die Literatur der Romantik eingeschrieben. Sein Einfluß auf spätere Künstler – von Robert Schumann bis zu Ernst-Ludwig Kirchner – steht für die anhaltende Wirkung seiner Dichtung. Wie vielseitig und ungewöhnlich Chamisso aber tatsächlich gewesen ist, das zeigt uns jetzt Beatrix Langner in ihrer neuen Biographie. Chamisso war fasziniert von wissenschaftlichen Fragen – ganz wie sein älterer Zeitgenosse Goethe. Als Mitglied einer Schiffsexpedition gelangte er nach Polynesien und Hawaii, erforschte die Flora Alaskas (wo bis heute eine Insel nach ihm benannt ist) und erkundete die Bucht von San Francisco. Er beschrieb die Lebensgewohnheiten der Eskimos und hat den Begriff “Parka” in die deutsche Sprache eingeführt. Schließlich wurde er Direktor des Botanischen Gartens in Berlin. Chamisso war ursprünglich in Frankreich geboren worden – als Louis-Charles-Adelaïde de Chamissot de Boncourt. Seine Eltern hatten - wie viele andere Adelige – während der Französischen Revolution fliehen müssen. Während sie später wieder in ihre Heimat zurückkehrten, blieb ihr Sohn in Deutschland, änderte seinen Namen in “Adelbert von Chamisso” und entwickelte für sich eine neue, deutsch-romantische Identität als Künstler und Forscher. Wer sich heute mit Fragen von Zu- und Einwanderung beschäftigt, mag in Chamissos Leben so auch einen “Entwurf der Freiheit” sehen.

Beatrix Langner, Der wilde Europäer: Adelbert von Chamisso, Berlin: Matthes & Seitz, 2008; 368 S.; 29,80 Euro; ISBN 978-3-88221-889-3

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   "Peter Schlemihl stand leibhaftig vor mir, eine hochgewachsene, hagere Figur mit langen grauen Locken bis über die Schultern und einem offenen Gesicht“. Chamisso mit 50 Jahren. (Bild: Ab.)


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Sein Buch Peter Schlemihls wundersame Geschichte hatte Adelbert von Chamisso weltberühmt gemacht. Wenige Jahre nach der Veröffentlichung kam er auf seiner Weltumsegelung auch nach Südafrika und mußte verblüfft feststellen: die Geschichte von dem Mann, der erst dem Teufel seinen Schatten verkauft und dann alles in Bewegung setzt, um den Handel rückgängig zu machen, war selbst am Kap der Guten Hoffnung ein fester Begriff. Als fünfzehn Jahre später ein junger dänischer Schriftsteller Berlin besuchte, wollte er dort vor allem Chamisso sehen. „Ich trat ein“, erinnerte sich Hans Christian Andersen später, „und Peter Schlemihl stand leibhaftig vor mir, eine hochgewachsene, hagere Figur mit langen grauen Locken bis über die Schultern und mit einem offenen Gesicht“. Der Dichter, mit 50 Jahren doppelt so alt wie Andersen, empfing den jungen Kollegen im „braunen Schlafrock, und um ihn herum spielte ein Gewimmel von Kindern“.

In ihrer neuen Biographie zeigt Beatrix Langner uns jetzt, daß Chamisso beileibe nicht die Biedermeier-Gestalt gewesen ist, als die Andersen ihn beschrieben hat. Sondern ein vielseitiger und ungewöhnlicher Dichter, der gleichzeitig ein exzellenter Forscher gewesen ist: als Botaniker, Sprachwissenschaftler und Ethnologe. Fast zweihundert Jahre ist es mittlerweile her, daß Chamisso als Mitglied einer Schiffsexpedition den Pazifik durchquert hat - von der Beringstraße bis nach Alaska, von Polynesien bis nach Kalifornien. Seine Beschreibungen indigener Völker, botanische Entdeckungen in Amerika und selbst noch die erste Grammatik der hawaiianischen Sprache zeigen Chamisso als Pionier und wissenschaftlichen Autor von Rang. „Ich habe wohl in meinem Leben Märchen geschrieben“, hat Chamisso über diese andere Seite seiner Persönlichkeit gesagt, „aber ich hüte mich, in der Wissenschaft die Phantasie über das Wahrgenommene hinausschweifen zu lassen.“

Chamisso war in der Champagne als Franzose zur Welt gekommen -  getauft auf den Namen Louis-Charles-Adelaïde de Chamissot de Boncourt. Beatrix Langner erklärt, daß es Chamissos Familie in den Revolutionsjahren so erging wie vielen französischen Adeligen – ihnen blieb nur die Flucht nach Deutschland. Sie landeten schließlich in Berlin, wo der Teenager erst als Page bei Königin Luise dient und dann als Fähnrich ins preußische Militär eintritt. „Der einzige Geist in dieser Armee“, schreibt er später, sei „der Geist der Unterordnung“. Ein Drittel der Truppe bestehe aus Ausländern wie ihm selbst, „professionellen Deserteuren und der ungeheuerlichsten Versammlung des Abschaums aller Nationen“. Chamissos Eltern und Geschwister sind da längst in ihre Heimat zurückgekehrt. Vom Krieg hat er bald genug, und in den deutschen Befreiungskriegen gegen die französische Besatzung darf er als Franzose nicht mitkämpfen – bei Todesstrafe. Er ändert seinen Namen schließlich in „Adelbert von Chamisso“ und erfindet für sich eine neue, deutsch-romantische Identität als Künstler und Naturforscher. Beatrix Langner sieht ihn als „Autor“ seines eigenen Lebens und zieht den Vergleich zu Claude Lévi-Strauss und dessen Thesen über ein „wildes Denken“. Wenn es um chronologische Details und den historischen Hintergrund geht, erscheint die Biographin nicht immer ganz sattelfest und vor Verwechslungen nicht gefeit; doch die Richtung dieses sorgfältig gemachten Buches stimmt: im Umfeld Chamissos kennt Langner sich glänzend aus, hat in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Berlin recherchiert und nebenbei das eine oder andere Problem der Forschung gelöst.

Chamisso dichtet erst mit Anfang zwanzig auf deutsch – in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, die er sich allerdings auf glänzende Weise erarbeitet. Seine Lyrik umfaßt eine breite Skala von Themen und Stimmungen; Chamisso kann sowohl romantisch wie auch realistisch schreiben, ist unübertroffen als Autor von phantastischen Erzählungen, hat das Talent zur Volkstümlichkeit und beweist einen Blick für politische und soziale Kategorien. Allerdings: Eleganz, Humor, Ironie und Satire bei Chamisso sind für manche seiner Zeitgenossen auch Gründe, gegen ihn als „undeutsch“, als „Judenfreund“ zu hetzen. Er heiratet spät; mit ihren neunzehn Jahren ist seine Braut nur halb so alt wie er – und obendrein keine Adelige. In den Augen seiner aristokratischen Geschwister etwas Unerhörtes. Doch Chamisso läßt sich nicht beeindrucken. „Wir sind bürgerliche Personen“, teilt er mit. Er wird Kustos am Berliner Botanischen Garten und schließlich Ordentliches Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Sein Expeditionstagebuch und seine Werke zur Botanik sind aus heutiger Sicht Klassiker ihres Fachs.

Chamisso, das macht uns diese willkommene Neuerscheinung klar, ist vieles in einer Person gewesen: Dichter und Naturforscher, Bohémien und Familienvater, Emigrant und Weltreisender, Franzose, Deutscher und – wenn man Beatrix Langner folgt – ein „wilder Europäer“. Im Sommer 1838 ist er mit nur 57 Jahren gestorben; sein Todestag hat sich dieses Jahr zum 170. Mal gejährt. Chamisso ist eine unverwechselbare, auf seine Weise einzigartige Figur unserer Kulturgeschichte gewesen. Ohne ihn wären die Deutschen sehr viel ärmer. Wer sich heute mit Fragen kultureller Identität und Integration, Zu- und Einwanderung beschäftigt, mag dies bedenken.

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