07. Mai 2011 - 6.05 Uhr

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"Schicksalsthema" - David Eisermann im Samstagsgespräch mit Ulrich Raulff

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   Im Gespräch mit David Eisermann: Ulrich Raulff (Bild: Literaturarchiv Marbach/Ab.)

Im Samstagsgespräch mit David Eisermann heute: Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach

Im Kleist-Jahr 2011 zeigt jetzt das Deutsche Literaturarchiv Marbach die Ausstellung: "Schicksal. 7 mal 7 unhintergehbare Dinge". Keiner hat so unwiderstehlich wie Heinrich von Kleist die Macht des Schicksals beschworen, keiner so systematisch die Literatur mit Schicksalsgestalten bevölkert. Kleists zweihundertster Todestag bietet Anlaß, über die Macht nachzudenken, die im Zentrum seines Werks steht. Der Direktor des Deutschen Literaturarchivs, Ulrich Raulff, hat zusammen mit der Leiterin des Museums, Heike Gfrereis, und Ellen Strittmatter (Museum) die Ausstellung erarbeitet. Lange Zeit gehörte das Schicksal zu den Begriffen, die außer Dienst gestellt, ja geradezu verpönt waren. Dabei ist keine Geschichte der Literatur denkbar ohne dieses Urwort und hunderte von Geschichten, die sich hinter ihm verbergen. Die zerbrechliche Ordnung der Welt zeigen 49 Exponate, in denen sich ein Schicksal spiegelt: Manuskripte, die noch von seinem Blitz geschwärzt sind, Bücher, dank denen einer überlebt hat, Fragmente, an denen ein anderer gescheitert ist. Aber auch das Schicksal als Herausforderung an die Konstruktion: Maschinen, die den Zufall generieren, und Spiele, die ihn einfangen. In den Themenfeldern Zahlen, Sterne, Stimme, Fügung, Zeichen, Wende und Fäden werden u. a. gezeigt: Friedrich Schillers Plan zu einem Drama "Das Schiff", ein Kalender von Gottfried Benn, die Nachzeichnung des Dürerschen Zahlenquadrats von Aby Warburg, Grundrisse zu einem Schachspiel von Marcel Duchamp, ein selbstgebauter Synthesizer von Friedrich Kittler, eine Postkarte von Else Lasker-Schüler an Franz Marc, eine Zeile Stockhausens an Wolfgang Rihm, die einzige erhaltene musikalische Notation von Ludwig Wittgenstein, 13 geschlossene Tagebücher von Peter Sloterdijk, Martin Walsers Ausgabe von Kafkas Erzählungen, Schuhe von Brigitte Kronauer; außerdem elf Exemplare des epochemachenden Werks von Martin Heidegger „Sein und Zeit“, annotiert von Schriftstellern und Philosophen.

Ulrich Raulff (Jahrgang 1950) wurde nach einem Studium der Philosophie und Geschichte 1977 in Marburg promoviert. Habilitation an der Humboldt-Universität Berlin 1995. Seit 1994 Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"; seit 1997 Feuilletonchef. Seit 2001 Leitender Redakteur im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung". Seit November 2004 Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach und seit November 2005 Mitglied des Präsidiums des Goethe-Instituts. Träger des Anna-Krüger-Preis des Wissenschaftskollegs in Berlin für wissenschaftliche Prosa (1996) und des Hans-Reimer-Preises der Aby-Warburg-Stiftung in Hamburg (1997). Für sein jüngstes Buch Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben (2009) erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch/Essayistik.

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Der Dichter, der heute vor sieben Uhr im WDR3 MOSAIK zu Wort kommt, ist Gottfried Benn. Mein Vater stammt aus Berlin und hat wohl keinen Lyriker so geschätzt, so verehrt wie gerade seinen Landsmann Gottfried Benn. Der war der seltene Fall eines echten Großstädters unter den deutschen Autoren. In einem seiner Gedichte hat Benn einmal die Frage gestellt: was schlimm sei? Und zählt dann Antworten auf: „Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören/und sich sagen, daß sie das immer tun“. Das sei schlimm. Ja, das ist schlimm. Aber der Dichter sagt es noch besser. Sandra Hüller spricht Benns Gedicht "Eingeengt".

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