15. April 2011 - 7.05 Uhr

„Elefantenreich – eine Fossilwelt in Europa" Gespräch über die Ausstellung im LVR-Landesmuseum

Einzigartiger Einblick in Fremdheit und Vielfalt einer archaischen Lebenswelt in Mitteleuropa

„Elefantenreich – eine Fossilwelt in Europa" - Ausstellung im LVR-Landesmuseum Bonn. Gespräch mit David Eisermann.

Im WDR3 MOSAIK. Ab 7.05 Uhr. Rezension.

Ein riesiger Elefant von vier Metern Schulterhöhe empfängt Besucher der Ausstellung im LVR-Landesmuseum. Die naturgetreue Tierplastik sieht furchterregend groß und echt aus, bleibt aber geruchslos und rührt sich zum Glück auch nicht. Sieben Monate haben der Bildhauer und Vater dieses Elefanten, Martin Kröniger, und zwei Mitarbeiter an der Rekonstruktion gearbeitet, die einen etwa 50jährigen Bullen darstellt. Mit dem gewaltigen Kopf, dem erhobenen Rüssel und den nach außen gebogenen, riesigen Stoßzähnen erreicht er eine Gesamthöhe von mehr als fünfeinhalb Metern. Das echte Tier war nicht nur größer sondern mit elf Tonnen auch viel schwerer als heutige Elefanten. Das Modell aus einem Stahlgerippe und verblüffend echt wirkenden Kunststoffgummi ist mit einer Tonne vergleichsweise leicht. Allein der Aufbau hat sechs Werktage benötigt.

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   Altelefant, 50jähriger Bulle, über fünf Meter hoch und elf Tonnen schwer (Bild: Ab./LDA ST/LVR Landesmuseum)


Die Tierplastik stellt einen “Altelefanten” dar, eine Spezies, die in prähistorischer Zeit auch im Rheinland und in Mitteleuropa vorkam - im Durchschnitt um ein Drittel größer als heutige Artverwandte. Die Schau gibt mit über 1000 Exponaten einen einzigartigen Einblick in Fremdheit und Vielfalt einer archaischen Lebenswelt. Klima- und Umweltgeschichte, Anthropologie und ein Blick auf die Anfänge von Kunst und Technik runden die Sonderausstellung ab - ergänzt durch Funde rund um das Bonner Original des Neandertalers. Darunter ein 15.000 Jahre altes Kunstwerk: die einzigartige Ritzzeichnung eines Mammuts aus dem rheinischen Gönnersdorf.

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   Prähistorische Lanze aus Eibenholz, Spitze gehärtet (Bild: Ab./LVR Landesmuseum)


Wie kommt das Museum an soviele Elefanten? Im Mittelpunkt stehen Funde aus einem Braunkohletagebau in der Nähe von Halle an der Saale. Archäologen haben dort die Fundstücke vor dem Schaufelradbagger gerettet. In Neumark-Nord wurden Skelettreste von annähernd siebzig Exemplaren gefunden. Bisher waren vollständige Skelette dieser Tiere praktisch unbekannt, weil sich in der Regel nur bestimmte Teile eines Skeletts im Boden erhalten. Die Elefanten von Neumark sind dort einst an einem See verendet. Der See hat über tausende von Jahren existiert, bevor er verlandete. In den Sedimenten sind – wie in einer Zeitkapsel – Überreste einer ganz anderen, fremden Welt erhalten geblieben, die dort vor zweihunderttausend Jahren existiert hat. Die Funde dokumentieren eine einzigartige Vielfalt von Tieren und Pflanzen aus jener Zeit. Elefanten-Herden, Löwenrudel, verschiedene Arten von Nashörnern und Hyänen kamen hier vor. Neumark-Nord hat sich als eine der bedeutendsten Informationsquellen zur Altsteinzeit herausgestellt.

Neben den Elefanten sind zahlreiche andere Tiere in der Ausstellung vertreten: Woll-, Steppen- und Waldnashörner, Hyänen und Höhlenlöwen – größer als heutige Löwen, dabei ohne Mähne. Diese Megafauna aus einer Epoche, als in Deutschland Flußpferde vorkamen, gehört einer Wärmeperiode des Eiszeitalters an, als im Herzen Europas ein sommerliches, gemäßigtes Klima herrschte. Die Ausstellung eröffnet den Blick in eine fremde, archaische Welt, das Panorama einer Seelandschaft mit exotischer Tierwelt, ein Reich gigantischer Elefanten, mitten in Europa.

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   Vorläufer des Neandertalers (Bild: Ab./Karol Schauer, LDA ST)

 
Die Elefanten bringen uns am Ende auf die Menschen? Damals lebten hier auch Vorläufer des Neandertalers. Sie ernährten sich fast ausschließlich von Fleisch und machten gezielt Jagd auf Großwild. Steinwerkzeuge belegen die Anwesenheit von Menschen in Neumark genau wie im Rheinland. Mehr über die steinzeitlichen Jäger und die Evolution des Menschen erfahren Besucher im Ausstellungsbereich Neandertaler des LVR Landesmuseums, der das Elefantenreich in idealer Weise ergänzt. So wie der übergroße Elefantenbulle für den Einbruch des Ungeheuerlichen ins Leben steht, so schafft die Ausstellung überraschend einen Begriff von den Verhältnissen, der Umwelt und den Herausforderungen, mit denen es prähistorische Menschen hierzulande aufnehmen mußten. Das ist das eigentlich Staunendmachende: so anders ist es mal gewesen, in so einer Welt haben Menschen sich behaupten müssen und all das ist am Ende restlos verschwunden, selbst etwas so Gewaltiges wie diese Elefanten, deren Vertreter ja so wirkt, als könne sich ihm nichts und niemand in den Weg stellen.

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