29. August 2012 - 6.05 Uhr

WDR3 MOSAIK - Kulturmagazin im Radio

Hier ist David Eisermann – willkommen zum MOSAIK am Mittwoch!

Heute früh spreche ich mit Hans Ulrich Gumbrecht über sein neues Buch, das von der Grundstimmung der Nachkriegszeit handelt.

Hans Ulrich Gumbrecht: Nach 1945. Latenz als Ursprung der Gegenwart. Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Born. Berlin: Suhrkamp 2012.

Die Grundstimmung der Nachkriegszeit beschreibt Gumbrecht als ein Gefühl, das sich im Rückblick als Symptom einer neuen Zeitordnung herausstellt. Nach 1945 'staut' sich die Zeit: die Vergangenheit vergeht nicht, die Zukunft entbirgt sich nicht, es bleibt eine 'breite', labyrinthartige Gegenwart. Aus verschiedenen "Obsessionen" der Nachkriegszeit (z.B. der Beschäftigung mit dem Gefühl des Eingeschlossenseins), die Gumbrecht aus lebensgeschichtlichen Erzählungen, literarischen Texten und zeithistorischen Ereignissen entwickelt, erwächst der Eindruck dessen, was er "Latenz" nennt: "Es herrschte das paradoxe Gefühl, daß man gewisse Dinge nicht »hinter sich lassen« konnte, weil sie so schnell verschwanden, daß andere »unerreichbar« blieben, daß das Selbst niemals »vollkommen transparent« werden würde oder daß keine Umgebung jemals Schutz und Zuflucht bieten konnte".  Anders als nach 1918 läßt sich nach 1945 eine eigentümliche Spurenlosigkeit erfahren: "Die Irritationen der Kriegsjahre wurden nicht »verdrängt«, sie verschwanden vielmehr, als sie Teil einer neuen, ruhigen Welt wurden. Nicht die Fakten oder die Erinnerung an sie verschwanden – sondern der Schmerz, der Triumph, die Resonanz, die diese Fakten zunächst ausgelöst hatten". Zugleich werden Hoffnungen auf ein Entbergen des Latenten – 1954, 1968, 1989 – jedes Mal aufs Neue enttäuscht. Wie in Becketts "Warten auf Godot", das Gumbrecht als Schlüsseltext dieser Zeit liest, erstrahlt kein neuer Horizont, der über die Gegenwart hinausreichte.

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   Direkt vorm Büro. Eva gefällt das: "Du hast das Büro mit dem Cowboy? Cool!" Hier kocht das Leben, Eva! (Bild: Ab.)

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